Karnemellipserzunft Mellingen

 

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Geschichte
 

 

1953 – Das Gründungsjahr der Karnemellipserzunft

Anno domini, im Jahre des Herrn 1953 am 17. Januari, haben 3 Mannen von hier verinbaret, in der löblichen Stadt Mellingen den alten Bruch der Fasnacht wider ufzunehmen und um zue nüwen Läben zu verhälfen. Si frogeten ir fründ und nachbaren und der tag daruf schon hatten 50 Mannen lüt mit geschäften oder die anderen triben, mit ir unterschrift bezüget, dass si daby zue sin und mitzumachen willens sigen, und stüreten auch schon ein hübsch summ geldes derzue. Am 21. Januari, mitten in der wochen traten im hinteren stübli des Hirzen an der Rüss 37 mannen zusammen, hielten eine kleine Fyr und gründeten die nüwe Zunft, geheissen die Karnemellipser.

So steht es geschrieben auf unserem Zunftbrief, der seinen Ehrenplatz im Gründungslokal einnimmt. Leider wurde dieses schmucke Schriftstück schon einmal gestohlen, so dass sich der neue Besitzer des „Hirzen“ entschlossen hat, ihn fest im Mauerwerk zu verankern.

Wie gross die Begeisterung in der neu gegründeten Zunft war, widerspiegelte sich im Aufbau zur Fasnacht 1963. Innert drei Wochen wurde ein ansehnlicher Umzug auf die Beine gestellt. Unter dem Zepter des 1. Zunftmeisters Emil Busslinger wurde auf der kleinen Bühne in der Hauptgasse die Fasnacht eröffnet. Die Bevölkerung machte begeistert mit und die Zunft fühlte sich durch den Erfolg auf dem richtigen Weg.

Nun, was geschah in den vergangenen 25 Jahren? Neue Mitglieder kamen in die Zunft, einige haben sie verlassen oder sind zu Grabe getragen worden. Mit viel Idealismus wurden in dieser Zeit sieben grosse Umzüge gestartet, und mit dem selber aufgebauten Sujets in Zürich und Baden „Erste Preise“ geholt. Über 50 Grossmasken wurden erstellt, grösstenteils wahre Prunkstücke. Die „Rüsstalfäger“ als Musikgruppe wurde gegründet, das Tambourencorps sowie die adrette Garde aus der Taufe gehoben.

Mit jedem neuen Zunftmeister erlebten wir eine andere und doch auf uns und unser Städtchen zugeschnittene Narrenzeit. Jahr für Jahr versuchen wir, der Mellinger - Fasnacht mit dem Eröffnungszeremoniell auf dem Kirchplatz, dem Zunftball sowie dem Kinderumzug und dem Kinderball ein besonderes Gepräge zu geben. Die alte Tradition des Tagwachtschlagens (Schmutziger Donnerstag und Fasnachtsmontag) wird unter der Leitung der Zunft von unserer Jugend begeistert gepflegt. Unsere Fasnacht wurde indes zu einem Begriff und ist weit über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus bekannt geworden.

Mit der Karnemellipserzunft feiert ein Mann Geburtstag, den man wohl zu den grössten Fastnächtlern des Reusstals zählen darf. Es ist dies unser nimmermüder Emil Busslinger, 25 Jahre stand er an der Spitze unseres Vereins, als Präsident. Mit der Wahl zum Ehrenzunftmeister 1978, während dieser Zeit mit dem Beinamen „Emil der Giftmischer“ (Drogist) versehen, hat er sein Amt als Präsident an Franz Meier, Architekt, abgetreten. Emil Busslinger war es auch, der zum1. Zunftmeister unserer Vereinsgeschichte gekrönt wurde und der beim 10jährigen dieses Amt zum zweiten mal bekleidete.

Nicht vergessen möchten wir Niklaus Bättig, der ebenfalls las Gründungsmitglied noch heute in der Zunft eines der aktivsten Mitglieder ist. Er bekleidete das Amt eines Zunftmeisters 1954 und 1973 (beim 20jährigen) als Ehrenzunftmeister.

 
     
 

Niklaus Bättig

einer der Gründer der Karnemellipserzunft als Zunftmeister im Jahr 1954

 
     
 
 
     

25 Jahre Karnemellipserzunft Mellingen im Jahr 1978

Pressekonferenz

vom 20. Januar 1978

Gasthof zum Hirschen Mellingen

 
Die Karnemellipserzunft Mellingen feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Grund genug, dieses Viertel-Jahrhundert gebührend zu feiern - das Geburtstagsgeschenk soll der grosse Fasnachtsumzug vom 29. Januar 1978 werden. Doch greifen wir vorerst ein wenig zurück in die Vergangenheit.  
     

Fasnacht nach fünf Jahrhunderten

Das Seminar für Volkskunde der UNI Basel befasste sich 1968 mit einer "grundlegenden und wissenschaftlichen Erforschung der Fas(t)nacht in der Schweiz". In der Hoffnung, von Mellingen einige Grundregeln für ihr Werk zu bekommen, wandten sie sich an Albert Nüssli, der dem Wunsch so gut als möglich entsprach und das gesammelte Material am 23.2.1968 im "Reussbote" veröffentlichte.

Über das Fasnachtstreiben bei uns in früherer Zeit findet man im Stadtarchiv Mellingen trotz dessen reichen Beständen nur spärliche Hinweise. Immerhin ist durch das aus dem frühen 15. Jahrhundert stammende Stadtrecht zu vernehmen, dass man auch bei uns damals die Fasnacht gekannt hat. Denn der dritte Abschnitt dieser aus zehn Artikeln bestehenden Verordnung bestimmt u.a., dass "wer spilet oder kartet von der alten vasnacht hin untz zu der uffahrt (Auferstehung am Karsamstag), der git (als Busse) 1 lib." Ein Liber oder Pfund Heller war eine Werteinheit, für die man etwa einen einfachen Zentner Brotgetreide kaufen konnte. Die gleiche Bestimmung findet sich auch in dem 38 Artikel umfassenden späteren Stadtrecht des 15. Jahrhunderts, in den noch umfangreicheren Stadtsatzungen von 1624, um 1700 und von 1788.

Soweit zurück die Verzeichnisse von Bodenzinslasten reichen, findet man neben der Abgabe von Getreide, Wein und anderen Erzeugnissen sehr häufig auch die Einrichtung sog. Fasnachtshühner. Weil als Folge des Alten Zürichkrieges die Vorstadt zu Mellingen verbrannt worden war, entging dem Spitalamt Baden, das für die Besoldung des Pfarrers in Rohrdorf aufzukommen hatte - die Vorstadt gehörte damals kirchlich zu Rohrdorf - die Hofstättenabgaben der nun obdachlosen gewordenen Bewohner in der Vorstadt. Die Stadt, als Besitzerin der Vorstadt, ging daher im Jahre 1467 gegenüber dem Spitalamt Baden eine Verpflichtung ein, wonach sie nebst der für sie schon bestehenden jährlichen Entschädigung von 15 Pfund Heller für erhobene Steuern und andere Abgaben auch noch für die durch das Spitalamt von jeder Hofstätte direkt erhobenen Abgabe  von drei Hühnern, davon ein Fasnachtshuhn, aufkam. Doch "wurde es sich ouch dheinost (dereinst) fügen, das ein Husofstatt oder mer in unnser vorstadt obgemelt widerumb behuset und husröiki (eigen Feuer und Licht) darinn gehalten wurde, jerlich drü huener geben, namlich zwey herpst und ein fassnacht huon, dem spital ze Baden" wird dementsprechend der Zins der Stadt sich vermindern.

 

 

Im Jahre 1835 verfügte der Stadtrat von Mellingen, nachdem er vom Bezirksamt hierfür die Bewilligung eingeholt hatte, folgende Tanztage:

  1. die gesetzlichen 4 Tanz-Sonntage
  2. die 4 Jahrmarkttage
  3. Fasnacht Donnerstag, Montag und Dienstag
  4. Montag nach Kirchweih
  5. die Handwerkszunft-Tage
  6. die Hochzeits-Anlässe

 

Diese Ordnung behauptete sich für die Fasnacht bis über die Jahrhundertwende hinaus. Am Schmutzigen Donnerstag wurde in der "Krone", am Fastnachtmontag im "Löwen", und am Fasnachtdienstag im "Hirzen" Maskenball mit Bankett durchgeführt. Am Donnerstag und am Montag in der Frühe erfolgte durch die Tagwacht der Schulbuben die Eröffnung der zwei Fastnachtsphasen;

In den drei dazwischen liegenden Tagen, also Freitag, Samstag und Sonntag, gab es weder Maskenbälle noch andere Fasnachtsveranstaltungen, auch für die Schuljugend gab es da kein Maskentreiben. Für letztere war bestimmt am Donnerstagnachmittag ein kostümierter Umzug mit anschliessendem Zabig und Tanz, und zwar im jährlichen Turnus unter den vorgenannten drei ehrenhaften Tavernen. Der Aschermittwoch sah dann beim Brunnen auf dem Kirchplatz das ergötzende Schauspiel der Geldsäckelwäsche. Man brachte ein ausgedientes, extra hiefür aufgespartes Portemonnaie mit und warf es in den Brunnen. Nachher hatte dann der Ortspolizist das Vergnügen, diese zusammenzufischen und sie in die Reuss zu schütten.

Wenn bei den Buben der Beginn des Tagwachtschlagens allzu sehr in die Frühe überbordete und dadurch der Schlaf der Bürgerschaft allzu früh gestört wurde, hat der Stadtrat einen passenden Zeitpunkt festgelegt - um bereits im folgenden Jahre nicht mehr beachtet zu werden, weil die Obrigkeit in der Regel erst durch den einsetzenden Spektakel daran erinnert wurde, dass sie die rechtzeitige Publikation ‑ bis 1898 in der Kirche ‑ verpasst hatte.

Als im Februar 1918 die Aargauer Brigade Knall auf Fall aufgeboten wurde, um den besonders in Zürich drohenden Unruhen zu begegnen, wurde vom aargauischen Regierungsrat ein generelles Fastnachtsverbot veranlasst. Das rief in Mellingen die Schuljugend auf den Plan. Sie brachte durch eine Abordnung die Bitte vor: ihren traditionellen Umzug trotzdem durchführen zu dürfen – und Stadtammann Dr. Hümbelin, der sonst für derartige Kompromisse nicht leicht zugänglich war, entschied: Wer nicht über 15 Jahre alt ist, darf Fasnacht machen!".

Das Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg brachte eine gewisse Unordnung in die bis dahin streng befolgte Regelmässigkeit in der zeitlichen Abwicklung der Fasnacht. In Mellingen war es die unter der Leitung eines Ausländers stehende Stadtmusik, der das Bezirksamt, allerdings nur zögernd, die Bewilligung zur Durchführung eines Vereins-Markenballs am Fasnacht-Sonntag erteilte. Mit dieser aus dem Ausland importierten Neuerung hatte man in Mellingen nun 4 Maskenbälle. Die gute Entwicklung dieses Maskenballs veranlasste in der Folge weitere Vereine, besonders auch in der Umgegend, zu gleichen Veranstaltungen. Die Folge war, dass immer mehr Tavernenwirte auf die Durchführung ihrer privilegierten Maskenbälle verzichteten, womit auch das früher nach der Demaskierung abgehaltene Bankett, zu dem die Saalinhaber einige Tage vorher die Unterschriften von Teilnehmern einsammelten, zum Verschwinden kam.

Wie man um die Jahrhundertwende noch ältere Leute erzählen hörte, wurden früher in Mellingen grossartige Fasnachts-Umzüge durchgeführt, die weit herum grosse Beachtung fanden. Diese Herrlichkeit soll jedoch eine jähen Abbruch erfahren haben, als die Stadt infolge des Konkurses der Nationalbahn im Jahre 1878 völlig verarmte. Ein halbes Jahrhundert verfloss, bis versucht wurde, diese wohl schönste Art Fasnacht wieder zur Entfaltung zu bringen. Zuerst war es die Männerriege des Turnvereins, die einige Fasnachtsumzüge durchführte. Nach einigen Jahren Unterbruch, bedingt durch den zweiten Weltkrieg, ergriff das sog. FAKOME (Fasnacht-KOmiteeMEllingen) erneut die Initiative, indem es 1949 und 1951 je einen respektablen Umzug durchführte. Schlechtes Wetter und daraus resultierende karge Einnahmen waren die Belohnung für die harte Aufbauarbeit. 1951/52 verblieben noch Albert Nüssli sowie die späteren Gründer der Karnemellipserzunft, der 1972 verstorbene Ernst Welde, Niklaus Bättig und unser jetziger Ehrenzunftmeister Emil Busslinger. Da diese Organisation den mithelfenden Vereinen nicht die geringste Entschädigung bei den Umzügen anbieten konnte, war ihr Schicksal 1952 endgültig besiegelt.

Wie sollte es weitergehen? Sollten die Bemühungen einiger Unentwegter, die Narrenzeit wieder hochleben zu lassen, endgültig vorbei sein? Der närrische Spuk der Fasnacht liess dem Restbestand des FAKOME keine Ruhe. Das Jahr 1953 war kaum angebrochen, befassten sich erneut Emil Busslinger, Niklaus Bättig und Ernst Welde mit dem Problem der kommenden Fasnacht. Sie setzten sich zu Tisch und verarbeiteten eine Idee von Niklaus Bättig, der durch Zufall die Fastnachtseröffnung im luzernischen Willisau durch „ die Karnöffelzunft“ miterlebte. Im totalen Fasnachtsfieber, wie es ja nur „Angefressene“ sein können, schritten sie zur Tat und erstellten eine Gönner- und Mitgliederliste. Die Spenden flossen für damalige Zeiten i  hohem Masse. Die Mellinger wollten also ihre Fasnacht wieder haben.